Научная статья на тему 'Sowjetunion 2. 0? Nostalgie zur sowjetischen Vergangenheit im Internet'

Sowjetunion 2. 0? Nostalgie zur sowjetischen Vergangenheit im Internet Текст научной статьи по специальности «Языкознание и литературоведение»

CC BY
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Ключевые слова
NOSTALGIE / SOVIET PAST / ONLINE BLOGS / GENERATION / SOVIET HISTORY / T

Аннотация научной статьи по языкознанию и литературоведению, автор научной работы — Subbotin Hannah

In the last years, many offers in the Internet that deal with the Soviet past in a positive way enjoyed increasing popularity. Hereafter I am going to show some examples from an analysis of these web pages, trying to find out who is the target group and what are their interests, because there are not only those people discussing the Soviet past in online blogs and web pages who lived in this era themselves, but also many young users, who were born after the dissolution of the Soviet Union and now desire to return to Soviet times. The reasons are in a “unsufficient“ present which is contrasted with a glorifying way of presenting the Soviet history in media.

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Текст научной работы на тему «Sowjetunion 2. 0? Nostalgie zur sowjetischen Vergangenheit im Internet»

УДК 93/94

SOWJETUNION 2.0? NOSTALGIE ZUR SOWJETISCHEN VERGANGENHEIT IM

INTERNET

Hannah Subbotin, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, e-mail: ha.subbotina@gmail.com

Abstract

In the last years, many offers in the Internet that deal with the Soviet past in a positive way enjoyed increasing popularity. Hereafter I am going to show some examples from an analysis of these web pages, trying to find out who is the target group and what are their interests, because there are not only those people discussing the Soviet past in online blogs and web pages who lived in this era themselves, but also many young users, who were born after the dissolution of the Soviet Union and now desire to return to Soviet times. The reasons are in a "unsufficient" present which is contrasted with a glorifying way of presenting the Soviet history in media.

Keywords: Nostalgie, Soviet past, online blogs, generation, Soviet history.

Nostalgie — ein neueres Forschungsfeld

Nachdem zu Beginn der 1990er Jahre der Fokus zunächst auf die gegenwärtigen Hindernisse gerichtet werden musste, wurde seit dem Ende der Neunziger Jahre sowie nach der Jahrtausendwende dazu übergegangen, Elemente der sowjetischen Vergangenheit in ein neues, patriotischeres Narrativ zu integrieren, sodass eine „russisch-sowjetische Identität" mit Bezügen zu beiden Staaten beobachtet werden konnte1. Zugleich konnte festgestellt werden, dass über zwanzig Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion eine gemäßigtere und teilweise auch glorifizierende Sicht auf die sowjetische Geschichte vorhanden ist und sich die nostalgische Sichtweise auf die UdSSR verstärkt2.

Diese Entwicklung äußert sich in unterschiedlichen Bereichen: in Restaurants, deren Einrichtung den Büros hoher Parteifunktionäre nachempfunden wurde, in der Werbebranche, die ihre Produkte ähnlich gestaltet wie zu sowjetischen Zeiten oder auch in der Errichtung bzw. Restauration sowjetischer Denkmäler.

Ein Nostalgieempfinden, so wird in der Forschung angenommen, „ist so alt wie die Menschheit selbst"3. Seitdem der Begriff im 17. Jahrhundert zum ersten Mal in Bezug auf krankhaftes Heimweh schweizerischer Söldner auftauchte, war er einem kontinuierlichen Bedeutungswandel unterlegen. Heute wird unter Nostalgie im Allgemeinen die Sehnsucht nach Vergangenem verstanden; der Nostalgiker leidet weniger unter der geographischen Entfernung seiner Heimat, wie es die ursprüngliche Bedeutung noch implizierte, sondern vielmehr unter dem Zustand, von einer - meist idealisierten - Vergangenheit abgetrennt zu sein. Nostalgie-Konzepte sind für zahlreiche wissenschaftliche Disziplinen von Interesse. Die Slavistin und Literaturwissenschaftlerin Svetlana Boym hat eine Definition formuliert, der zufolge es sich bei Nostalgie um eine Emotion handelt, die im Wesentlichen von dem Wunsch, an einen Ort oder in eine bestimmte Zeit zurückzukehren, gekennzeichnet ist. Boym unterscheidet dabei zwei verschiedene Arten, und zwar die reflective nostalgia einerseits und die restorative nostalgia andererseits. Bei der restaurativen Nostalgie ist der Wunsch inhärent, seine verlorene „Heimat" zu rekonstruieren; Vertreter empfinden dies nicht als Nostalgie, sondern beanspruchen stattdessen, Wahrheit und Tradition finden zu wollen. Es handelt sich oft um eine extreme Idealisierung der Vergangenheit, durch welche die Nostalgiker das wichtigste Paradoxon übersehen, welches die Nostalgie stets beinhaltet: „Bei der Nostalgie geht es um die Wiederholung des Unwiederholbaren"4 Die reflektierende Nostalgie ist eher durch eine Begeisterung zur Distanz und zur Sehnsucht selbst gekennzeichnet, wobei die Vertreter im Gegensatz zu denen der restaurativen

Nostalgie jedoch meist über ein höheres Maß an Selbstreflexion verfügen und in der Lage sind zu erkennen, dass ihre „Heimat" nicht rekonstruiert werden kann5.

Neben zahlreichen Gründen und Auslösern, die nostalgisches Empfinden haben kann, findet eine solche „Flucht" vor allem dann statt, wenn es den Betroffenen schwerfällt, sich in der Gegenwart zurechtzufinden, vor allem wenn sie tiefgreifenden und schnellen Veränderungen unterworfen ist. Auch in Folge einschneidender gesellschaftlicher Ereignisse und Umwälzungen ist mit einer Verstärkung nostalgischer Tendenzen zu rechnen. Dahinter, davon geht die aktuelle Forschung aus, steht oft die Angst vor unkontrollierbaren Veränderungen, die in der Gegenwart den Wunsch nach einer idealisierten Vergangenheit, einer sicheren und geordneten Welt auslösen.

Nostalgie im Internet

Im Gegensatz zu anderen Medien wie dem Fernsehen und Printmedien gibt das Internet seinen Nutzerinnen und Nutzern die Möglichkeit, selbst einen erheblichen Anteil an den Inhalten beizutragen, beispielsweise in Form von Online-Plattformen wie Blogs, Foren und Sozialen Netzwerken. Über diese Web-Dienste können auch in Bezug auf nostalgische Ansichten und Einstellungen der Internet-User Rückschlüsse gezogen werden, sodass es für die Beobachtung der Entwicklung von Nostalgie zur ehemaligen UdSSR von besonderer Bedeutung ist, auch Quellen aus dem World Wide Web heranzuziehen6. Über Kommentare und Blog-Einträge, den Austausch in Gruppen sozialer Netzwerke oder interaktive Umfragen können Internetnutzer unmittelbar reagieren und ihre individuelle Meinung zum Ausdruck bringen - was jedoch im Gegensatz zu anderen Medien bedeutet, dass kaum Kontrolle hinsichtlich der Qualität der einzelnen Beiträge erfolgen kann.

Das digitale Zeitalter hat essenziell dazu beigetragen, dass kollektives Erinnern an die Vergangenheit einem Wandel unterlegen ist. Es existieren zahlreiche Online-Plattformen und -Archive, Communities, Foren, Gruppen, Blogs und Webseiten, die spezifische Themen der sowjetischen Vergangenheit aufgreifen und es den Nutzern ermöglichen, mit einem verhältnismäßig geringen Aufwand Informationen zu erhalten, und zwar unabhängig von ihrem Standort, was vor wenigen Jahren - wenn überhaupt - nur mit erheblichem Aufwand sowie zeitlicher und finanzieller Investition geschehen konnte. Zur gleichen Zeit ermöglicht das Internet einen ständigen Austausch, sodass die Initiative der Nutzer/innen selbst gefragt war und ist und sie eigenes Material sowie eigene Erinnerungen anderen Menschen zur Verfügung stellen konnten. Die erhöhte Menge an Beiträgen jeglicher Art zum Thema des sowjetischen Erbes trug wiederum dazu bei, dass aufgrund der immer leichteren Verfügbarkeit von Informationen, beispielsweise in Form von gescanntem Archivmaterial, Audio- und Bilddateien, Zeitzeugenberichten sowie wissenschaftlichen Publikationen, der Zugang für weitere Nutzer erleichtert wurde und sich der Interessentenkreis stetig vergrößerte. Auf der anderen Seite bewirkte diese Entwicklung auch, dass utopischen Vorstellungen und Sehnsüchten nach ,verlorenen' Zeiten ein breiter Raum gegeben wurde.

Methodik

Für die Untersuchung der Frage, auf welche Weise in russischen Medien nostalgisch erinnert wurde und wird, sind verschiedene Onlinequellen beobachtet worden, die aufgrund ihrer Eigenschaften und ihrer Reichweite für ihr ,Genre' - thematische Webseiten, Soziale Netzwerke, Blogs - als repräsentativ gelten können und zum anderen verschiedene Adressatengruppen (unterschiedliche Generationen, Lebensumstände und -orte sowie Interessen) ansprechen.

Es wurden zwei Anbietergruppen unterschieden: Zum einen Webseiten, die speziell zum Zweck der nostalgischen Erinnerung an die Sowjetära gegründet worden sind, wie beispielsweise die Enciklopedija Nasego Detstva, die sich ursprünglich an die Generation der zwischen 1976 und 1982 Geborenen richtete, d.h. also an diejenigen Personen, die in der Sowjetunion zumindest einen Teil ihres Lebens bewusst erleben konnten. Zur Analyse wurden neben den Artikeln auf der Hauptseite auch Forenbeiträge herangezogen, die über die Stichwortsuche einschlägiger Begriffe („Sowjetunion", „UdSSR", „Nostalgie", „Sojuz") gefunden wurden. Es wurden nur Threads berücksichtigt, die bereits zahlreiche Antworten (mindestens 50) aufwiesen und so einen regen Austausch unter den Usern versprachen.

Die zweite Gruppe bilden Soziale Netzwerke, die sich im Allgemeinen wachsender Beliebtheit weltweit erfreuen. VKontakte gilt als beliebtes Pendant zu Facebook, richtet sich in erster Linie an eine jüngere Zielgruppe und ist mit weltweit über 100 Millionen Nutzern die am zweithäufigsten besuchte Seite Russlands. Auch bei diesen beiden Angeboten wurden Beispielseiten untersucht, auf denen die Nutzer/innen positive Erinnerungsbezüge zur sowjetischen Vergangenheit herstellten. Sie wurden über die seiteneigene Suchfunktion mit den oben genannten Schlüsselbegriffen ausfindig gemacht; gesucht wurde auf Russisch und Englisch, da viele Personen ihre Gruppen mit englischen Titeln versehen. Nach einer ersten quantitativen Auswahl wurden manuell Beiträge ausgewählt, die für das Thema relevant sind, d.h. dass eine aktive Diskussion stattfand und ihr mindestens 1.000 Mitglieder folgen; außerdem konnten mit dieser Methode zu spezielle Themen aussortiert werden (wie zum Beispiel „Sport in der UdSSR", „Autos aus der Sowjetunion" etc.).

Beispiele für Sowjetnostalgie im Internet

Zwei Beispiele sollen hier kurz vorgestellt werden, die sich zwar beide mit dem Leben in der Sowjetunion beschäftigen und nostalgisch an diese Zeit zurückdenken, aber sehr unterschiedliche Ausprägungen aufweisen.

Zum einen wurde das Online-Projekt Enciklopedija Nasego Detstva untersucht, das infolge eines LiveJournal-Blogs entstanden ist und sich an die Generation der zwischen 1976 und 1982 Geborenen richtete. Im Laufe mehrerer Jahre ist eine umfangreiche Materialsammlung über das Alltagsleben in der UdSSR entstanden, indem die User eigene Beiträge und Fotos hochladen und somit - vergleichbar mit einem virtuellen Museum - offen zur Verfügung stellen. Das Projekt wird bis heute fortgesetzt und basierte seit seinen Anfängen 2005 auf der aktiven Mitarbeit der angemeldeten Personen. Dass die Nutzerinnen und Nutzer sich auf dieser Plattform ihren nostalgischen Empfindungen widmen können, ist ebenfalls intendiert und wird in der Beschreibung bekräftigt: „Enciklopedija Nasego Detstva ist ein Projekt für alle, die in der UdSSR aufgewachsen sind. [...] Die Enciklopedija Nasego Detstva ist die Rückkehr in eine zauberhafte Welt"7. Themen der einzelnen Artikel und der Forenbeiträge sind meist konkrete Bezugspunkte aus der sowjetischen Vergangenheit, denen gegenüber die jeweiligen Autorinnen und Autoren Nostalgie empfinden. Oft handelt es sich um alte Serien und Filme, aber auch Spielwaren und andere Alltagsartikel. In diesem Forum ist die nostalgische Erinnerung im Allgemeinen an Nostalgie zu bestimmten Produkten geknüpft, welche zwar aus sowjetischer Zeit stammen, aber überwiegend unabhängig von der Sowjetunion betrachtet werden. Sie werden thematisiert, weil mit ihnen (Kindheits-)Erinnerungen assoziiert werden. So rufen vor allem die Erwähnungen derjenigen Produkte, die heute nicht mehr erhältlich sind, nostalgische Gefühle als Reaktionen hervor. Gleichzeitig ist diese Art der Erinnerung von Einseitigkeit geprägt: es werden in erster Linie die schönen Aspekte des Alltagslebens erinnert. Wie der Name der Plattform bereits andeutet, stehen Kindheit und Jugend im Vordergrund, sodass weite Bereiche, wie beispielsweise politische, soziale und ökonomische Themen der sowjetischen Geschichte weitestgehend ausgeklammert werden. In dieser OnlineCommunity erhalten die Nutzerinnen und Nutzer stattdessen die Möglichkeit, positive Erinnerungen auszutauschen und sich gemeinsam an frühere Zeiten zu erinnern, sodass es den Usern leicht gemacht wird, kritische Themen und Probleme unberücksichtigt zu lassen. Hierbei droht die Gefahr, dass die Erinnerung an eine Lebensphase, die eingebettet in die sowjetische Ära ist, auch zur Folge haben kann, dass mit den überwiegend glücklichen Kindheitserinnerungen auch positive Gedanken an die Sowjetunion bzw. zum Sozialismus generell geknüpft werden und eine kindliche, naive Sichtweise auf kritische Aspekte dominieren kann.

Als ein Gegenbeispiel konnten die themenspezifischen Seiten des Sozialen Netzwerkes VKontakte angesehen werden. Dort erfreuen sich Gruppen mit sowjetnostalgischen Bezügen großer Beliebtheit. In einer der größten mit dem Titel „Die Sowjetunion in unseren Herzen"8 sind über 130.000 Mitglieder registriert. Es wird eine Gemeinschaft der in der UdSSR Geborenen suggeriert, die sich stark von späteren Generationen abhebt. Es folgt im Beschreibungstext der Gruppe eine glorifizierende Beschreibung der Sowjetunion bzw. ihres „Aufstieges"; die UdSSR habe sich trotz der verheerenden Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges und der Bemühungen der

„kapitalistische^] Länder", das „erste Land der Arbeiter und Bauern [...] im Keim zu ersticken" zu einer „sozialistischen Gesellschaft entwickelt", die zahlreiche positive Aspekte aufwies, wie beispielsweise „kostenfreie Medizin und Ausbildung" sowie „eine gesicherte Zukunft, sehr hohe Kultur und Sittlichkeit und ein sehr hohes Lebensniveau", darüber hinaus Arbeit für jeden, einen stabilen Lohn und allgemeinen Fortschritt. Dem gegenüber stellt der Autor seine Sichtweise auf die Gegenwart: „Jetzt leben wir auf den Ruinen des früheren Ruhms des Landes", das gekennzeichnet sei von „Armut, Arbeitslosigkeit, Lüge, Lüsternheit, Perversion, Gewalt, Kriminalität, Korruption, Angst, Depression und der Unsicherheit vor morgen". Die einstigen Errungenschaften seien verloren, „auch die großen und ruhmreichen Taten der großen Führer des Proletariats Vladimir Lenin und Iosif Stalin."

Untersu chungsergebnisse

In der Untersuchung konnte festgestellt werden, dass sich das Gedenken an die sowjetische Geschichte durch den Gebrauch neuer Medien rasant verändert. Das Internet als vergleichsweise jüngstes Massenmedium bietet die Chance, sich unmittelbar und unabhängig von Zeit, Ort und Umfeld mit anderen Menschen auszutauschen, zu diskutieren, sich selbst einzubringen und zu lernen. Zudem hat sich die Reichweite des Internets in den letzten Jahren stetig erweitert, sodass immer mehr Menschen dadurch erreicht werden können, was insbesondere bei einem solch riesigen Land wie Russland von Bedeutung ist. Die direkte Verbindung zwischen „Machern" und „Konsumenten", die das Internet als wohl einziges Massenmedium bietet, ist auch für die zu untersuchende Frage von Vorteil, können doch durch den Einbezug des World Wide Web auf direktem Wege Meinungen der Nutzerinnen und Nutzer in Erfahrung gebracht werden. Die Möglichkeit der unmittelbaren Mitarbeit an vielen Inhalten, wie sie in Foren, Blogs und Gruppen gegeben wird, führt dazu, dass sich die Inhalte und Ziele schnell ändern können. Außerdem gibt es durch die entstandene Vielfalt sicherlich für jede/n individuelle/n Nutzer/in Räume, in denen er oder sie den persönlichen Interessenschwerpunkten nachgehen kann. Dass man dabei leicht mit anderen Gleichgesinnten in Kontakt treten kann, ist aus der Sicht der Nutzenden von großem Vorteil, da nicht mehr wie früher ein persönlicher Austausch in räumlicher Nähe von Nöten ist. Gemeinsames Gedenken ist für ein Nostalgieempfinden von großer Relevanz, da wir zum Erinnern andere Menschen brauchen, da wir nicht ausschließlich als Individuum erinnern: „Betrachten wir nun das individuelle Gedächtnis. Es ist nicht vollkommen isoliert und in sich abgeschlossen. Um seine eigene Vergangenheit wachzurufen, muss ein Mensch oft Erinnerungen anderer zu Rate ziehen. Er nimmt auf Anhaltspunkte Bezug, die außerhalb seiner selbst liegen und von der Gesellschaft festgelegt worden sind [.. .]"9.

Durch die neuen technologischen Entwicklungen verändert sich auch die Perspektive auf die Vergangenheit. Über zwanzig Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ist die Suche nach einer russischen Identität längst noch nicht abgeschlossen. Stattdessen wird der Fokus darauf gelenkt, eine neue, positive Identität zu konstruieren, indem oft auf ein mythologisiertes Bild von der Sowjetunion zurückgegriffen wird10. Um zu zeigen, inwiefern in russischen Online-Medien eine nostalgische Perspektive auf die sowjetische Geschichte eingenommen wird und wie sich diese äußert, wurden verschiedene Kanäle betrachtet, denen allen gemeinsam ist, dass sie eine positive Einstellung gegenüber der UdSSR zeigen. Sie verwenden allesamt sowjetische Symbolik und signalisieren, dass sie ein Angebot für Gleichgesinnte darstellen. Darüber hinaus wird durch das Vokabular eine Verbindung hergestellt: so wird beispielsweise auffallend häufig mit den Pronomen „wir", „unser" etc. gearbeitet, was suggerieren soll, dass es sich bei den „Nostalgikern" um eine homogene Gruppe handele.

Als Beispiele wurden zunächst zwei Internetseiten herausgegriffen, die sich mit spezifischen Aspekten der sowjetischen Geschichte beschäftigen. Während die Enciklopedija Nasego Detstva sich zunächst lediglich an eine konkrete Generation richtete und allmählich erweitert wurde, handelt es sich bei den untersuchten Gruppen des Sozialen Netzwerkes VKontakte eher um jüngere Nutzerinnen und Nutzer, die häufig selbst nicht mehr in der Sowjetunion gelebt haben und ihre Geschichte von Erzählungen und aus anderen Medien zu kennen glauben. Häufig wird hier die Vergangenheit mit der Gegenwart verglichen und infolge dessen der Wunsch geäußert, die

Sowjetunion und ihr vermeintliches Lebensgefühl wieder herstellen zu wollen. Dabei ist auffällig, dass die Sowjetunion als Gesamtkonstrukt angesehen wird, das selten weiter differenziert wird in beispielsweise temporäre Unterschiede. Zwar scheinen sich an den Diskussionen mehrheitlich Nutzer/innen zu beteiligen, die eigene, persönliche Erfahrungen aus der UdSSR beitragen können, das Forum wird aber auch von vielen jüngeren Usern verwendet, vor allem, um genau wie die Älteren den Wunsch zu einer Rückkehr zu thematisieren.

Wie anhand der kurzen Ausschnitte gezeigt werden konnte, haben viele von ihnen ein mystifiziertes Bild der Sowjetunion im Kopf, das in erster Linie durch einen starken Kontrast zur Gegenwart geprägt ist und dadurch vielmehr aus einer umfangreichen Unzufriedenheit im Heute resultiert. Das Bild der UdSSR als ein fast paradiesisches Land, das von einem hohen Maß an Solidarität der Menschen untereinander und der Sorge des Staates um seine Bürger/innen (kostenlose Bildung, keine Arbeitslosigkeit und Kriminalität) gekennzeichnet sein sollte, wird in den - meist oberflächlichen - Diskussionen häufig propagiert und fördert auch den Wunsch, zu diesen vermeintlich traumhaften Zuständen zurückzukehren bzw. diese zukünftig anzustreben.

Durch das (bewusste) Auslassen von Kritik kann jedoch keine Diskussion zustande kommen, da der Ausgang von Vornherein eindeutig ist. Ein sowjetnostalgisches Forum dient also weniger der Diskussion, als vielmehr dazu, die gegenwärtigen Wünsche der Nutzer/innen zu sammeln, die sich in das Gedenken an eine Utopie, nicht an reale Zustände, flüchten. Dies fiel auch insbesondere in den untersuchten Sozialen Netzwerken auf, in denen die eher jüngeren Nutzerinnen und Nutzer in den jeweiligen Gruppen und Blogs emotionalere Zugänge zu den jeweiligen Zielgruppen herstellen, vor allem über visuelle Medien, in denen die zeitlich nicht näher konkretisierte sowjetische Vergangenheit als Idealbild mit der als negativ empfundenen Gegenwart kontrastiert wird und auf diese Weise nostalgische Gefühle in den Rezipienten ausgelöst bzw. gefördert werden können11. Auch musikalische und lyrische Beiträge, in denen die Vorzüge des sowjetischen Systems gegenüber dem Heute gepriesen werden, sind sehr beliebt und erfahren positive Resonanz. Auffallend ist weiterhin der oft unreflektiert-positive Umgang mit sowjetischen Führungspersönlichkeiten. Häufig wird der unreflektierte Wunsch nach einem starken „Führer" geäußert, wie es nach der Ansicht vieler Stalin gewesen sei. Dessen Taten, Terror und Repressionen werden selten als Defizite thematisiert, sondern eher noch durch die äußeren Umstände gerechtfertigt. Eine kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ist auf diese Weise unmöglich. Dieser Bereich wird in den präsentierten Online-Plattformen nur am Rande gestreift. So betrachtet tragen diese Internetportale momentan noch wenig zu einem kritischen Diskurs über die sowjetische Vergangenheit bei, da viele Nutzer/innen eher an einem (oberflächlichen) Austausch unter Gleichgesinnten interessiert zu sein scheinen.

Im Gegensatz zu dieser bewussten Ausrichtung ist in der Enciklopedija die positive Erinnerung an sowjetische Zeiten, die sich vor allem in der Erinnerung an sowjetische Alltagskultur (Spielzeug, Filme, Kleidung etc.) manifestiert, eine logische Konsequenz aus der Beschränkung auf das Thema Kindheit. Da die eigene Kindheit im Allgemeinen als die unbeschwerteste Zeit im Leben empfunden wird und Kinder und Jugendliche die politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen nicht reflektieren können, ist der Tenor in einer solchen Community überwiegend positiv gehalten.

Bemerkenswert ist dennoch das große Interesse vieler junger Menschen an sowjetnostalgischen Online-Angeboten, obwohl in den Portalen individuelle Erfahrungen und verbindende Elemente dominieren. Diese „postmemory"12 trägt zu einer Verherrlichung und Verzerrung der Vergangenheit bei, da positive Aspekte und Klischees anderer Mitglieder unreflektiert übernommen und als Wahrheit angesehen werden. Viele dieser Personen thematisieren gleichzeitig, dass sie die Gegenwart als defizitär empfinden. Dieser Umstand führt dazu, dass die sowjetische Utopie - nicht die tatsächliche Vergangenheit! - als sinnvolles Alternativmodell zur Gegenwart angesehen wird. Der Wunsch nach einer Rückkehr vieler Nostalgiker/innen beinhaltet also vielmehr den Wunsch nach einer besseren Zukunft: „Diese Nostalgie ist eine Sehnsucht, nicht nach der kommunistischen Vergangenheit, sondern nach den verpassten Gelegenheiten, eine andere Welt zu schaffen"13.

Gegenwärtige Besonderheiten

Insgesamt konnte festgestellt werden, dass die sowjetnostalgische Perspektive dadurch gekennzeichnet ist, dass die Vergangenheit der UdSSR als familiärere, glücklichere Zeit als die heutige präsentiert wird. Die Darstellungen werden als real und aktuell betrachtet. Im Gegensatz zum Fernsehen ermöglicht das Internet einen interaktiven Austausch zwischen den Nutzern. Eines der dominierenden Themen ist die sowjetische Kindheit, über die sich zahlreiche Nutzer austauschen und mit eigenen Erinnerungen und Medien dazu beitragen. In vielen Fällen übersteigt sowjetische Kindheitsnostalgie sogar die „normale" Kindheitsnostalgie, da auch die Lebenswelt rund um die persönlichen Bezüge oft nostalgisch verklärt wird, was bedeutet, dass von den Nostalgikern auch die generellen Umstände aus der Zeit ihrer Kindheit als sorgenfrei und schön wahrgenommen werden und sie es nicht schaffen, objektivere Berichte und eigene Erlebnisse miteinander in Einklang zu bringen. Hinzu kommt, dass das Verlustgefühl verschlimmert wird, da nicht nur die Kindheit und die damit verbundenen positiven Eigenschaften als „verloren" gelten, sondern das ganze Land, das diese schönen Erinnerungen ermöglicht hat, nicht mehr existiert. Viele Nutzerinnen und Nutzer sind bereits in einem Alter, in dem sie ihre eigenen Kinder aufwachsen sehen konnten, was zu völlig anderen Bedingungen geschieht, als sie es in ihrer eigenen Jugend erlebt haben, und dadurch das Gefühl der Unwiederbringlichkeit verstärkt wird, was wiederum ein tieferes Nostalgieempfinden nach den verlorenen Eigenschaften und Werten nach sich ziehen kann.

Interessant ist jedoch, dass auch viele jüngere User Nostalgie zur sowjetischen Vergangenheit zu empfinden scheinen, was im Sinne Svetlana Boyms die Frage aufwirft, ob man Heimweh nach einem Zuhause haben kann, das man nicht kennt14. Die regelmäßige Partizipation von jüngeren Generationen in Plattformen zu sowjetischen Themen scheint zunächst paradox, ist aber durchaus möglich. Diese „Secondhand-Nostalgie"15, die durch eine relativ einseitige Repräsentation der Geschichte in den Medien und durch verharmlosende, unvollständige private Erzählungen geprägt wird, führt allerdings oft dazu, dass jüngere Nutzerinnen und Nutzer ein verzerrtes Bild der Sowjetunion erhalten, das sie jedoch als einzige Wahrheit anerkennen. Diese Rezeption ist besonders im Internet zu beobachten und zeigt sich deutlich in Beiträgen in Foren; hier steht ein relativ abgeschlossener Raum zur Verfügung, in dem sich vorrangig Gleichgesinnte austauschen können, sodass tiefergehende Diskussionen selten zu beobachten sind. Infolgedessen manifestieren sich die einseitigen Sichtweisen auf die Geschichte noch eindringlicher, insbesondere bei Jüngeren. Gründe für eine starke Glorifizierung der sowjetischen Vergangenheit liegen in der Regel in dem Wunsch begründet, in vermeintlich bessere Zeiten zurückzukehren. Das nostalgische Empfinden gegenüber einer relativ stabilen Epoche wird in den Medien stark gefördert, vor allem im Fernsehen. Insbesondere in sozialen Netzwerken wird durch visuelle Vergleiche oft der Versuch unternommen, die heutige Zeit mit der Vergangenheit zu kontrastieren, wobei die Zeit in der Sowjetunion stets positiver dargestellt wird, vor allem in Bezug auf vermeintlich verloren gegangene Werte und Ideale. Die stabile Breznev-Ära dient vielen heute als Idealbild und somit auch als Projektionsfläche für unerfüllte Wünsche in der Gegenwart.

Zwar ist die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte auch in anderen Ländern sehr präsent und in unterschiedlichen Ausprägungen zu beobachten, für die postsowjetischen Staaten und insbesondere Russland ist dies aber von elementarer Bedeutung, da die Gesellschaft durch umfassende Veränderungen und unerwartete Zäsuren einem drastischen Wandel unterzogen wurde. Diese identity discontinuity führte in unsicheren Zeiten dazu, dass sich viele Menschen nach einer Stütze sehnten - nostalgische Erinnerungen an ein positives Konstrukt über die Vergangenheit ermöglichte ihnen eine vorübergehende Ausblendung ihrer gegenwärtigen, als schlimmer empfundenen Lebenssituation.

Dass auch heute noch solche Bezüge in den Medien eine so große Nachfrage erhalten, zeigt, dass der Wunsch nach einer Auseinandersetzung mit der Vergangenheit stärker denn je vorhanden ist und in der Bevölkerung der Wunsch besteht, sie weiterhin zu thematisieren und sich auf unterschiedliche Weise mit ihr zu beschäftigen. Gleichzeitig ist hier auch die Rolle des Staates als Anbieter und Unterstützer verschiedener Medienangebote und Themen interessant, da auch von staatlicher Seite von einem verstärkten Interesse an einer zentralen gemeinsamen

Identifikationsgrundlage ausgegangen werden kann, die sich aus vereinenden Erinnerungen an die Vergangenheit zusammensetzt.

Im Sinne Svetlana Boyms sind im Internet verschiedene Ausprägungen der Nostalgie zu finden und lassen sich auch in den gezeigten Beispielen erkennen. Die reflective nostalgia, die sich allgemein durch Sehnsucht, Begeisterung zur Distanz und gleichzeitig einem hohen Maß an Selbstreflexion auszeichnet, ist vor allem in Angeboten wie der Enciklopedija zu bemerken, sowie denjenigen Plattformen, in denen die Nutzerinnen und Nutzer für die Dauer eines kurzen Films oder eines virtuellen Gespräches in vergangene Zeiten ,abtauchen' wollen, wobei ihnen bewusst ist, dass diese Zeiten unwiederbringlich sind. Im Gegensatz dazu sehnen sich andere Konsumenten insbesondere in thematisch sehr eng konzipierten sowjetnostalgischen Foren danach, sowjetische Verhältnisse zu restaurieren, praktizieren also restorative nostalgia. Sie hängen einem utopischen Idealbild nach, das sie nicht in Einklang mit der Gegenwart bringen können und als einzig gültige Wahrheit ansehen, selbst wenn es sich um ein deutlich verzerrtes Bild der Vergangenheit handelt. Die Einbindung von Zeitzeugen - eigentlich ein Kennzeichen von Multiperspektivität - fördert hier eine einseitige Perspektive, da kritische Fragen selten gestellt werden und in den untersuchten Internetforen kaum umfangreiche Diskussionen über kontroverse Themen angestoßen werden konnten.

Anmerkungen

1 Morenkova, Elena: "(Re)Creating the Soviet Past in Russian Digital Communities. Between Memory and Mythmaking", Digital Icons - Studies in Russian, Eurasian and Central European New Media, 7 (2012), p. 39

2 Ebenda, p. 40

3 Holbrook, Morris; Schindler, Robert: "Echoes of the Dear Departed Past. Some Work in Progress on Nostalgia", Advances in Consumer Research, 18, p. 330

4 Boym, Svetlana: The Future of Nostalgia, New York, 2001, p. XVII

5 Stewart, Susan: On longing. Narratives of the Miniature. The Gigantic, the Souvenir, the Collection, Baltimore, 1993, p.145

6 Kukulin, Ilya: "Memory and self-legitimization in the Russian blogosphere. Argumentative practices in historical and political discussions in Russian-language blogs of the 2000s". In: Memory, Conflict and New Media. Web wars in post-socialist states, edited by Ellen Rutten, Julie Fedor, Vera Zvereva, pp. 113, London/ New York, 2013.

7 Homepage mit Archiv und Forum des Projektes, online: http://e-n-d.ru/project/ (01.11.2015).

8 VKontakte, Gruppe Советский Союз в нашем сердце, online: http://vk.com/club14407777 (01.11.2015)

9 Halbwachs, Maurice: Das kollektive Gedächtnis, Frankfurt am Main, 1991, p. 35.

10 Morenkova, Elena: "(Re)Creating the Soviet Past in Russian Digital Communities. Between Memory and Mythmaking", Digital Icons - Studies in Russian, Eurasian and Central European New Media, 7 (2012), pp. 39.

11 Rutten, Ellen; Zvereva, Vera: "Old conflicts, new media. Post-Socialist digital memories". In: Memory, Conflict and New Media. Web wars in post-socialist states, edited by Ellen Rutten, Julie Fedor, Vera Zvereva, p. 10, London/ New York, 2013

12 Morenkova, Elena: "(Re)Creating the Soviet Past in Russian Digital Communities. Between Memory and Mythmaking", Digital Icons - Studies in Russian, Eurasian and Central European New Media, 7 (2012), p. 45.

13 Yurchak, Alexei: "Post-Post-Communist Sincerity. Pioneers, Cosmonauts, and Other Soviet Heroes Born Today". In: What is Soviet now? Identities, Legacies, Memories, edited by Thomas Lahusen, Peter H. Solomon, pp. 278, Berlin, 2008

14 Boym, Svetlana: The Future of Nostalgia, New York, 2001, p. XIII

15 Velikonja, Mitja: "Lost in Transition. Nostalgia for Socialism in Post-socialist countries". East European Politics and Societies, 23.4 (2009): pp. 538.

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