Научная статья на тему 'LATEIN UND DIE EUROPäISCHEN VOLKSSPRACHEN IN DER FRüHEN NEUZEIT'

LATEIN UND DIE EUROPäISCHEN VOLKSSPRACHEN IN DER FRüHEN NEUZEIT Текст научной статьи по специальности «Языкознание и литературоведение»

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ЛАТЫНЬ В РАННЕЕ НОВОЕ ВРЕМЯ / LATIN IN AN EARLY MODERN PERIOD / ЛАТЫНЬ КАК ЛИНГВА ФРАНКА / LATIN AS A LINGUA FRANCA / ИСТОРИЯ ЛАТИНСКОГО ЯЗЫКА / HISTORY OF LATIN

Аннотация научной статьи по языкознанию и литературоведению, автор научной работы — Кореньяк Мартин

Латынь как язык международного общения в Европе конца XVI начала XIX века была доступна самым разным слоям населения и практиковалась на самых разных социокультурных уровнях и в самом разном языковом оформлении от ломаной, неправильной лишь бы как-то объясниться до стилистически вполне совершенной, какой была латынь великих гуманистов. Латинский выполнял все требуемые от lingua franca функции: для сравнения вполне годится современный английский, или, хотя и в меньшей степени, классический арабский. Принято считать, что новые языки вытеснили латынь вместе с ростом национального самосознания и образованием в результате этого подъема национальных государств при господстве идеологии романтизма. Однако национальный подъем не отменял потребности в общеевропейском койне: место латыни в европейском ареале безуспешно пытался занять французский и в конце концов занял английский, обслуживающий уже не только Европу, но и весь мир. Автор связывает вытеснение латыни новыми языками с грамматическим оформлением этих последних. До появления первых грамматик новоевропейских языков грамматикой обладали только три «священных» мертвых языка. Остальные существовали в зыбкой и текучей форме, будучи речью без правил. С постепенным оформлением грамматик новых языков (по латинскому образцу) утверждается языковая норма; как следствие, нарастает объем написанного на этих языках, возвышается их статус; наконец, они проникают в школу как предмет изучения: этот последний этап означал конец эпохи живого латинского койне.

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Латынь и народные языки Европы в раннее Новое время

The Latin of the twentieth century, English allows us to experience to the full the many situations in which one has to switch between a mother tongue and a lingua franca. This article aspires to show that, contrary to the unhappy coinage ‘a dead language’, Latin was very much alive all through the early modern period and up to the early nineteenth century, being a means of communication for the people of various social standing and not, as it is largely preconceived today, a skills kit to exercise one’s intellectual capacities. Latinity was a marker of social standing, of belonging, but in an individual speaker, it did not exist on an entirely different plane from the national dialects. It is believed that Latin fell into disuse with the rise of the national languages, their gradual progress through the system of education, and an urge for artistic expression of the new self-conscious nations. Once the need to bring this flux of spoken dialects in which the national languages naturally existed to a literary standard arose, Latin, to its undoing, offered its grammar as a paradigm. Once formal schooling came to be conducted in the national languages, Latin lost its ground never to recover it again.

Текст научной работы на тему «LATEIN UND DIE EUROPäISCHEN VOLKSSPRACHEN IN DER FRüHEN NEUZEIT»

mmiüiulü latinitas media et nova builudbujiudbul

PHILOLOGIA CLASSICA

VOL. 13. FASC. 1. 2018

UDC 811.124

Latein und die europäischen Volkssprachen in der frühen Neuzeit*

Martin Korenjak

Universität Innsbruck, Institut für Sprachen und Literaturen, Bereich Gräzistik und Latinistik Langer Weg 11, A-6020 Innsbruck, Austria; martin.korenjak@uibk.ac.st

For citation: Martin Korenjak. Latein und die europäischen Volkssprachen in der frühen Neuzeit. Philologia Classica 2018, 13(1), 103-115. https://doi.org/ 10.21638/11701/spbu20.2018.108

The Latin of the twentieth century, English allows us to experience to the full the many situations in which one has to switch between a mother tongue and a lingua franca. This article aspires to show that, contrary to the unhappy coinage 'a dead language', Latin was very much alive all through the early modern period and up to the early nineteenth century, being a means of communication for the people of various social standing and not, as it is largely preconceived today, a skills kit to exercise one's intellectual capacities. Latinity was a marker of social standing, of belonging, but in an individual speaker, it did not exist on an entirely different plane from the national dialects. It is believed that Latin fell into disuse with the rise of the national languages, their gradual progress through the system of education, and an urge for artistic expression of the new self-conscious nations. Once the need to bring this flux of spoken dialects in which the national languages naturally existed to a literary standard arose, Latin, to its undoing, offered its grammar as a paradigm. Once formal schooling came to be conducted in the national languages, Latin lost its ground never to recover it again. Keywords: Latin in an early modern period, Latin as a lingua franca, history of Latin.

Die moderne lingua franca Englisch ist längst zu einem festen Bestandteil unserer sprachlichen Umwelt geworden. Wir haben uns daran gewöhnt, Englisch von Touristen, ausländischen Kollegen, in Radio, Fernsehen und Kino zu hören, es in Zeitschriften, in Büchern und im Internet zu lesen und bei Bedarf selbst in Wort und Schrift zu verwenden. Und wir versuchen, mit dieser Situation zurecht zu kommen, so gut oder schlecht wir es eben vermögen.

Diese Lage der Dinge wird nicht selten als beklagenswerte Neuerung empfunden und gibt Anlass zu düsteren Prognosen über den Niedergang der anderen europäischen Sprachen. Tatsächlich hat sich Englisch im Lauf der letzten Jahrzehnte im Bildungs-, Informations- und Unterhaltungssektor, in den alten und neuen Medien Bereiche erobert,

© St. Petersburg State University, 2018

die davor noch der jeweiligen Nationalsprache gehörten. Weitet man allerdings den Blick ein wenig und lässt ihn über andere Länder und Zeiten schweifen, so findet sich ein vergleichbares Nebeneinander von Muttersprache und sekundär erworbener lingua franca in vielen Gesellschaften. Historisch gesehen stellt es vielleicht sogar eher den Regel- als den Ausnahmefall dar. Sumerisch und Akkadisch im Alten Orient, Koine-Griechisch im Hellenismus, Sanskrit in Indien, klassisches Chinesisch im alten China, Arabisch in der islamischen Welt, Spanisch, Portugiesisch und Französisch in den ehemaligen Kolonialstaaten, Quechua im frühneuzeitlichen Südamerika, Swahili im heutigen Ostafrika und die eigentliche lingua franca im Mittelmeerraum des Mittelalters und der frühen Neuzeit — das sind nur einige Beispiele für Idiome, die Sprechern unterschiedlichster Muttersprachen als Gemeinsprachen dienten und dienen.1 In kleinerem Maßstab trifft Ähnliches auch auf die modernen Nationalsprachen zu: Was ist beispielsweise Hochdeutsch anderes als eine künstlich geschaffene Gemeinsprache, die es Sprechern so unterschiedlicher Varietäten wie des Tirolerischen, des Walliserdeutschen und des Nordfriesischen ermöglicht, sich miteinander zu verständigen?

Mit der Feststellung, dass man es da mit einer Art anthropologischer Konstante zu tun hat, ist es aber natürlich nicht getan. Sie markiert vielmehr nur einen Ausgangspunkt, von dem aus man den Blick auf die vielen Einzelfälle richten kann und soll. Wenn man das tut, erkennt man schnell, dass das skizzierte Muster im Detail ganz unterschiedliche Ausprägungen erfährt: Die lingua franca kann, wie z. B. das Hocharabische, eine kanonisierte, oft ältere Form der Dialekte sein, die im betreffenden Gebiet in Gebrauch sind (in solchen Fällen spricht man von Diglossie), es kann sich wie bei der eigentlichen lingua franca um eine aus mehreren Sprachen geklitterte Pidginsprache oder wie beim Sumerischen um eine isolierte Sprache, einen erratischen Block in der sonstigen Sprachlandschaft handeln. Soziologisch gesehen kann die Gemeinsprache ebenso das Privileg einer kleinen Minderheit wie Allgemeingut sein. Ihre Verwendung kann sich auf unterschiedliche Bereiche der Lebenswelt von der Religion bis zum Handel, auf Mündlichkeit oder Schriftlichkeit konzentrieren, unter ihren Benutzern können aktive und passive Sprachkompetenzen unterschiedlich ausgeprägt sein und anderes mehr.

In diesem Sinne sei im Folgenden ein Blick auf das Europa der frühen Neuzeit geworfen, wo die Sprecher von dutzenden Sprachen und hunderten Dialekten miteinander in Latein kommunizierten. Wie gestaltete sich diese Kommunikation konkret? Wie sah das Verhältnis zwischen lingua franca und Einzelsprachen in diesem Falle aus? Welche Spezifika wies die Situation innerhalb des skizzierten Rahmenmodells auf?2

Ich werde diejenigen Charakteristika, die mir als die wichtigsten erscheinen, in vier Punkten zusammenfassen: Als erstes werde ich die Art des frühneuzeitlichen Lateingebrauchs umreißen, die scharf von dem absticht, was wir heute mit dieser Sprache assoziieren. Danach soll kurz erläutert werden, wer damals Latein, wer die Volkssprache verwendete und in welchen Zusammenhängen das geschah. Als drittes wird von der Interaktion zwischen der alten und den neuen Sprachen die Rede sein. Den Schluss machen einige

1 Zu einigen der genannten Sprachen s. Leonhardt 2009, 18-45. Vgl. auch den groß angelegten Überblick über die wichtigsten Sprachen der Welt bei Ostler 2007.

2 In den letzten Jahrzehnten sind zahlreiche kulturhistorisch orientierte Geschichten der lateinischen Sprache von der Antike bis zur Gegenwart erschienen: Vossen 1999; Waquet 1989; Janson 2006; Stroh 2007; Ostler 2007; Leonhardt 2009. Sie alle behandeln auf die eine oder andere Art auch das Verhältnis zwischen Latein und den Volkssprachen und bieten eine Fülle weiterführender Informationen.

Bemerkungen zum Aufstieg der Volkssprachen, durch den Latein letztendlich seine Stellung als europäische Gemeinsprache einbüßte.

Vorauszuschicken ist allerdings, dass es sich bei dem so entstehenden Bild wieder nur um ein stark vereinfachtes Modell handeln wird, um einen Versuch, das Wichtigste an einer in Wirklichkeit wesentlich komplexeren Situation bündig zusammenzufassen. Zu diesem Zweck muss eine ganze Reihe von Faktoren ausgeblendet oder kann allenfalls punktuell berührt werden:

Zunächst einmal beschränkt sich meine Skizze räumlich auf West- und Mitteleuropa, zeitlich, wie schon erwähnt, auf die frühe Neuzeit. In denjenigen Teilen des Kontinents, die seit dem Morgenländischen Schisma zur Ostkirche gehörten und später der russischen bzw. osmanischen Machtsphäre einverleibt wurden, spielte Latein eine weit geringere Rolle. Sie bleiben ebenso ausgespart wie die Kolonialgebiete, in denen durch das Nebeneinander von indigenen Sprachen, europäischen Sprachen und Latein noch einmal eigene Verhältnisse herrschten. Die mittelalterliche Koexistenz von Latein und Volkssprachen ähnelt zwar auf den ersten Blick derjenigen, die in der frühen Neuzeit aus ihr hervorging, bei näherem Hinsehen zeigt sich aber, dass die Rahmenbedingungen in vieler Hinsicht ganz andere waren: So gab es beispielsweise noch keinen Buchdruck, keine aufstrebenden Nationalstaaten samt sich herausbildenden Nationalsprachen und keine Ausrichtung der Lateinstandards an den klassischen Autoren der Antike, wie sie die Humanisten propagierten. Die mittelalterlichen Verhältnisse kommen deshalb nur als Hintergrund für die neuzeitlichen zur Sprache.

Des Weiteren sehe ich ab von der Tatsache, dass es in Europa neben Latein und den allmählich entstehenden Nationalsprachen noch weitere Gemeinsprachen wie z. B. das Dänische in Skandinavien gab, deren Reichweite allerdings meist regional begrenzt war. Ebenfalls außer Betracht bleiben muss der Umstand, dass Latein seit dem 17. Jh. als lingua franca in den meisten Bereichen europaweit durch Französisch verdrängt wurde.

Schließlich konnte sich das Verhältnis zwischen Latein und den Volkssprachen je nach Ort und Zeit ganz unterschiedlich gestalten: um 1400 anders als um 1800, im Süden anders als im Norden, in katholischen Territiorien anders als in protestantischen, in kleinen Ländern anders als in großen und an den Rändern anders als in den Zentren. Auch davon kann im Folgenden kaum die Rede sein.

1. Latein — tot, aber vital

Latein war in der frühen Neuzeit, wie der unglückliche, aber fachsprachlich fixierte Ausdruck lautet, eine tote Sprache, d. h. eine Sprache ohne Muttersprachler. Das bedeutet aber nicht, dass es in irgendeinem Sinne eine verkrüppelte oder behinderte Sprache gewesen wäre. Es war eine ganz normale Sprache, und man konnte damit alles anstellen, was man mit einer Sprache eben so tut: Man konnte es schreiben und lesen, sprechen und verstehen. Ich insistiere darauf deshalb, weil der schulische Lateinunterricht, der die heutige Vorstellung von Latein entscheidend prägt, uns ein so anderes Bild vermittelt. Da geschieht ja nichts von dem, was ich eben genannt habe, vielmehr werden zuerst Grammatik und Vokabeln gelernt und dann wird konstruiert, übersetzt und interpretiert. Die Sprache wird dabei nicht als Sprache behandelt, sondern als intellektuelles Turngerät, Transportmittel für antikes Bildungsgut und dergleichen mehr.3 Als Folge dieser Praxis herrscht

3 Die Liste der positiven Effekte, die man sich in der Moderne vom Lateinunterricht erwartet, umfasst u. a. logisches Denken, geistige Disziplin, Sprachreflexion, Hilfe beim Erlernen moderner Fremdsprachen,

heute weithin die Vorstellung, Latein sei einfach so anders als eine normale Sprache, dass man es gar nicht in der gleichen Weise verwenden könne. Sogar die in der Regel begabten und motivierten Schüler, die sich zu einem Universitätsstudium in Latein entschließen, sind anfangs oft schockiert von der Vorstellung, dass sie lateinische Texte eigentlich lesen statt übersetzen und dass sie selbst welche verfassen sollten, vom mündlichen Gebrauch ganz zu schweigen.4

Vor einigen hundert Jahren war das völlig anders: In den damaligen Schulen wurden die Schüler von Anfang an zum Lateinsprechen und -verstehen, zum echten Lesen klassischer und zum Verfassen eigener Texte angeleitet, und zwar nicht nur in Prosa, sondern auch in Versen.5 Die Folge war ein viel natürlicheres und pragmatischeres Verhältnis zur Sprache als heute. Selbstverständlich erreichten auch damals nur die wenigsten Lateinschüler annähernd muttersprachliche Kompetenz. Doch dadurch ließen sie sich nicht abhalten, das, was sie tatsächlich konnten, auch zu verwenden — ganz ähnlich, wie wir es heute mit Englisch machen: Wir wissen, das unser Englisch nicht perfekt ist, aber wir sprechen es trotzdem und schämen uns nicht übermäßig, wenn uns gelegentlich ein Fehler unterläuft.6

Ein hübsches Beispiel für diese Einstellung bietet der junge Goethe. Er soll auf Drängen seines Vaters promovieren und verfasst zu diesem Zweck in Straßburg eine Dissertation über das Verhältnis von Kirche und Staat:7

„Da ich diese Arbeit fast ganz aus mir selbst schöpfte, und das Latein geläufig sprach und schrieb, so verfloß mir die Zeit, die ich auf die Abhandlung verwendete, sehr angenehm. Die Sache hatte wenigstens einigen Grund; die Darstellung war, rednerisch genommen, nicht übel, das Ganze hatte eine ziemliche Rundung. Sobald ich damit zu Rande war, ging ich sie mit einem guten Lateiner durch, der, ob er gleich meinen Styl im ganzen nicht verbessern konnte, doch alle auffallenden Mängel mit leichter Hand vertilgte, so daß etwas zustande kam, das sich aufzeigen ließ."

Grundsätzlich geläufiger Umgang mit der Sprache, Bewusstsein der verbleibenden Mängel, ein Fachmann, den man bei Bedarf zu Rate zieht — wer hat noch nicht nach diesem Rezept einen englischen Aufsatz oder Projektantrag produziert?

Während also das Lateinische alles leistete, was man sich von einer Sprache erwarten kann, wiesen viele Volkssprachen diesbezüglich erhebliche Defizite auf: Sie waren näm-

Allgemeinbildung, interkulturelle Kompetenz und Europakompetenz, nicht jedoch die souveräne Beherrschung der Sprache selbst; vgl. Waquet 1998, 213-245.

4 Es sei nicht verschwiegen, dass heute weltweit zahlreiche Vereinigungen von Lateinsprechern und -schreibern existieren (Stroh 2001), doch solange sich der Lateinunterricht nicht grundlegend ändert, wofür derzeit wenig spricht, dürften diese Anhänger der Latinitas viva ungläubig bewunderte oder belächelte Exoten bleiben.

5 Vgl. für den deutschen Sprachraum: Paulsen 1919-1921; aus neuerer Zeit etwa: Fuhrmann 2001.

6 Das eben gezeichnete Bild ist insofern ein wenig zu modifizieren, als der Humanismus gegenüber der sprachlichen ,Barbarei' des Mittelalters programmatisch auf einem Latein insistierte, das nicht nur grammatisch korrekt, sondern auch idiomatisch perfekt war. Anders als im Mittelalter konnte man in der Neuzeit einen Gegner bloßstellen und intellektuell diskreditieren, indem man ihm sprachliche Schnitzer nachwies. Solche Fälle erregten mitunter großes Aufsehen — man denke etwa an das „Küchenlatein", das Lorenzo Valla seinem Intimfeind Poggio Bracciolini vorwarf, oder an die Dunkelmännerbriefe, in denen deutsche Humanisten die Sprache ihrer scholastischen Gegner parodierten —, man sollte sie aber nicht überbewerten. In der Regel wurde nicht so heiß gegessen wie gekocht, und man kam mit einem anspruchslosen Gebrauchslatein durch, ohne sich lächerlich zu machen.

7 Johann Wolfgang von Goethe, Dichtung und Wahrheit, Elftes Buch.

lich oft nicht oder nur eingeschränkt Schrift- und Literatursprachen — ein Punkt, auf den ich im letzten Abschnitt zurückkommen werde.

2. Verschiedene Sprecher, verschiedene Welten

Sieht man sich die Situation unter soziolinguistischen Gesichtspunkten an, so stellt man rasch fest, dass der lateinisch-volkssprachliche Bilingualismus seine Grenzen hatte. Lateinkenntnisse und -verwendung waren in der Regel bestimmten Bevölkerungsgruppen und Lebensbereichen vorbehalten; andere, wesentlich größere, blieben davon so gut wie unberührt.

In institutioneller Hinsicht basierte die Latinität auf zwei Organisationen.8 Die eine war, wie schon erwähnt, das Unterrichtswesen von der Lateinschule (oder dem Privatlehrer) bis zur Universität. Als Grundlage der gesamten höheren Bildung hatte Latein dort einen überragenden Stellenwert. In vielen Gymnasien nahm es z. B. weit über die Hälfte der Stunden in Anspruch. Lange Zeit hindurch fielen sogar Alphabetisierung und Lateinlernen zusammen, erst an der Wende zur Neuzeit kamen daneben volkssprachliche Elementarschulen auf. Das andere Bollwerk der Latinität war die Kirche, durchaus auch im protestantischen Raum, noch mehr jedoch im katholischen. Sie war mit dem Unterrichtswesen insofern verflochten, als sich die meisten Bildungseinrichtungen in kirchlicher Trägerschaft befanden.

Lateinkundig war demgemäß zum einen der Klerus, zum anderen aber auch die weltliche Intelligenz, die im Laufe der Neuzeit stark an Bedeutung gewann und ein Selbstbe-wusstein und Zusammengehörigkeitsgefühl erlangte, das sich in der Eigenbezeichnung als res publica litteraria („Gelehrtenrepublik") niederschlug.9 Abgesehen von der Sphäre des Unterrichts und der Religion verwendeten diese Personenkreise ihre Lateinkenntnisse hauptsächlich in der Wissenschaft, der schönen Literatur, im Briefverkehr, in der Diplomatie und auf Reisen.

Weitgehend lateinlos waren dagegen große Teile des Adels, die meisten Bürger, die Bauern und die Unterschicht im Allgemeinen sowie die Frauen. Sieht man vom Besuch des Gottesdienstes ab, so kamen diese Leute kaum mit Latein in Berührung; ihr Arbeitsleben und ihre Freizeit waren so gut wie ausschließlich volkssprachlich geprägt. Sofern sie alphabetisiert waren — der größte Teil war es nicht -, hatten sie immerhin Zugang zu Texten erbaulichen, fachlichen, informativen und unterhaltsamen Charakters wie z. B. Andachtsbüchern, Kräuterbüchern, Volksbüchern und Flugblättern, in den reformierten Territorien auch zur Bibel. Eine weitere Textgruppe, die schon gegen Ende des Mittelalters volkssprachlich wurde, war das immer umfangreichere Verwaltungsschrifttum. Im Laufe der Zeit bemächtigte sich die volkssprachliche Literatur, wie noch zu zeigen sein wird, immer weiterer Inhalte und Formen.

Mit der sprachlichen Zweiteilung der Gesellschaft ging eine der Mentalitäten und der Weltbilder einher: Latein wurde ja nicht rein als Sprache unterrichtet und gelernt, sondern in Verbindung mit einer Fülle an Bildungsgut antiker wie christlicher Provenienz. Lateinsprecher besaßen einen anderen historischen und kulturellen Horizont, hielten andere Werte hoch und hatten andere ästhetische Vorlieben, aber auch andere Vorurteile als diejenigen, die nur die Volkssprache beherrschten.

8 Vgl. zum Folgenden: Waquet Paris 1998, 17-100.

9 Zur Geschichte der Idee und des Begriffs s. Waquet 1989.

Einen Eindruck hiervon mag der folgende Ausschnitt aus einem zweisprachigen Einblattdruck vom Beginn des 17. Jhs. vermitteln. Geschildert wird eine Episode aus der Gründungssage des Klosters Wilten bei Innsbruck, in welcher der Gründer, der Riese Hai-mon, den neuen Bau gegen einen bösen Drachen verteidigen muss:10

Dumque operi intentus templi fundamina ponit

Construit atque suae vilia tecta domus, Squamiger ecce draco ruit huc e rupe propinqua

Et subvertit opus bile tumente novum Contorta ac cauda rabidum vomit ore venenum

Nec cessat muros ungue notare novos: Non secus Aeolia prorumpens nimbus ut aula Implacido aequoreas vorticeperflat aquas ...

Auffs werck weil er gedencken thet / Beim Baw ein anfang gmachet het: Sich zu / ein Drach dort auß eim stein Kompt / verhindert die arbeit sein / Speyt auß das Gifft und wind den schwantz Zerkratzt ihm auch die Mawer gantz. Gleich wie der wind braußt auff dem Meer / Und wirfft die Wellen hin und her / ...

Lateinischer und deutscher Text stehen in parallelen Kolumnen und entsprechen sich Vers für Vers. Denoch geht der Sprachwechsel einher mit einem Wechsel des Metrums (elegische Distichen bzw. deutsche Knittelverse), einem Wechsel der Stillage (ein schmückendes Beiwort nach dem anderen im Lateinischen, s. die Unterstreichungen, nichts dergleichen im Deutschen) und unterschiedlichen Bildungsvoraussetzungen: Die lateinische Version kann ohne weitere Erklärung von der Höhle des Windgottes Aiolos sprechen, die dem Zielpublikum aus der vergilischen Aeneis wohlbekannt war, den Lesern der deutschen wollte man dergleichen nicht zumuten.

Da die sprachliche Stratifizierung der Gesellschaft in beträchtlichem Maße der sozialen entsprach, kam dem Besitz von Lateinkenntnissen auch ein gewisser Distinktionswert zu. Wieder kann man, um sich das zu verdeutlichen, an heutige Verhältnisse denken: Wer fließend und akzentfrei Englisch spricht, hat gute Chancen, als klug, gebildet und weltläufig durchzugehen.

Allerdings sollte man die Schärfe der skizzierten Dichotomie nicht überschätzen. Es gab durchaus achtbare Gelehrte wie z. B. den Schweizer Landeskundler und Historiker Aegidius Tschudi (1505-1572), die sich mit dem Lateinischen schwer taten,11 und es gab, wie kirchliche Visitationsberichte verraten, Pfarrer, die nicht einmal die Absolutionsformel zustande brachten.12 Auf der anderen Seite erlebte der französische König Henri III. (1551-1589) nach seiner Wahl zum polnischen König die erfreuliche Überraschung, dass in seinem neuen Herrschaftsgebiet, wie er schreibt, „selbst die Gastwirte" Latein sprachen. Auch ein ungarischer Husar konnte auf einem Türkenfeldzug seinen französischen Marschall mit dem Ruf Heu domine, adsunt Turcae! („He, Herr, die Türken sind da!") vor einem gegnerischen Angriff warnen.13 Überhaupt — was heißt „Latein können"? Ein paar Brocken hatte wohl mancher in der Messe aufgeschnappt; zwischen so jemandem und einem Erzhumanisten wie Erasmus von Rotterdam gab es unendlich viele Zwischenstufen

10 Christoph Wilhelm Putsch / Paul Ottenthaler, De Haymone gigante, Augsburg 1601, V. 59-70; vgl. Korenjak et al. 2012, 1, 234-235.

11 Tschudi, der keine Universität besucht hatte und im abgelegenen Glarus lebte, las Latein zwar fließend, schrieb und publizierte aber nur in der Volkssprache. Als seine Alpisch Rhetia (Basel 1538) auch auf Latein erscheinen sollte, musste Sebastian Münster sie übersetzen; vgl. Sieber 2010, 218; 221; 223.

12 Gelmi 1986, 94.

13 Burke 1989, 45-46.

der Kompetenz. Vorstellen kann man sich die realen Verhältnisse vielleicht wieder am besten, wenn man an die Verteilung der Englischkenntnisse in der Gegenwart denkt.

3. Sprachen im Austausch

Auch abgesehen von diesen fließenden Übergängen in puncto Sprachkompetenz standen Latein und die Volkssprachen in ständiger Interaktion. Die alte und die neuen Sprachen existierten nicht in voneinander abgeschlossenen Parallelwelten, sondern ergänzten, durchdrangen und beeinflussten sich innerhalb ein und derselben sozialen Realität. Wer wirklich zweisprachig war, wechselte je nach Situation zwischen ihnen hin und her, betrieb also das, was man heute Codeswitching nennt; das konnte vermutlich so rasch und kleinräumig geschehen, wie man das noch heute erlebt, wenn sich eine Gruppe von Sprechern mit verschiedenen Muttersprachen und unterschiedlicher Fremdsprachenkompetenz unterhält.

Das angeregte Miteinander der Sprachen in der Vormoderne lässt sich heutzutage natürlich nicht mehr direkt beobachten, zumindest nicht im mündlichen Sprachgebrauch. Sehr wohl aber kann man den Niederschlag untersuchen, den es in schriftlicher Form gefunden hat.14 Dieser Niederschlag manifestiert sich zuallererst in den Sprachen selbst: Das mittelalterliche Latein reicherte sich, wie die einschlägigen Wörterbücher dokumentieren, mit einer Fülle volkssprachlicher Ausdrücke und Konstruktionen an. Manch einer sagte und schrieb ungerührt galoppo für „ich galoppiere" oder ventus est für „er ist gekommen". Vieles davon wurde wieder ausgeschieden, als man sich zu Beginn der Neuzeit um ein reineres Latein bemühte, aber eben keineswegs alles, und stattdessen kam Neues hinzu, z. B. Ausdrücke wie coffea, fagottum oder passeportus. Was Unmenge an lateinischen Lehn- und Fremdwörtern in den Volkssprachen betrifft, so braucht man ohnehin nur ein beliebiges Fremdwörterbuch aufzuschlagen. Hinzu kommt noch eine Fülle an Lehnübersetzungen von Wörtern oder ganzen Redewendungen wie z. B. im Deutschen „Bewusstsein" für conscientia bzw. „tiefes Schweigen" nach alta quies bei Vergil (Aeneis 6, 522).

Auch in der Literatur der Zeit hinterließen die Wechselbeziehungen zwischen den Idiomen ihre Spuren. Ein gebildeter Autor publizierte je nach Thema und Zielpublikum in der alten oder in den modernen Sprachen und zeigte auch in seinen privaten Aufzeichnungen eine ähnliche Flexibilität. Beispielsweise verteilen sich die Veröffentlichungen von Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) recht gleichmäßig auf Latein, Deutsch und Französisch; Ähnliches gilt für seine rund 20 000 Briefe umfassende Korrespondenz.15

Gleichzeitig erlebte seit Erfindung des Buchdrucks das Übersetzungswesen16 eine Blüte; Druckereien und Verlage erkannten hierin eine Chance, Absatz und Gewinn in sonst unerreichbare Höhen zu steigern. Ein Beispiel für die zweisprachigen Drucke, die nun zu erscheinen begannen, ist die im letzten Abschnitt vorgestellte Gründungslegende des Klosters Wilten, ein weiteres, viel berühmteres und wirkmächtigeres, der Orbis sen-

14 Vgl. zum Folgenden generell: Kirkness, Haider Munske 1996; speziell zu Latein und Deutsch: Polenz 1991-1999, 1, 219-228.

15 Leibniz' Briefwechsel erscheint seit 1923 in den Reihen I-III der Akademie-Ausgabe und ist teilweise online zugänglich (http://www.leibniz-edition.de/); zur Sprachwahl vgl. Utermöhlen 1977, 93-97.

16 Der Begriff der Übersetzung wurde in der Vormoderne nicht so eng gefasst wie heute. Neben wörtlicheren oder freieren Übersetzungen in unserem Sinne fielen darunter auch Übertragungen, die ihr Original kürzten, ergänzten oder korrigierten.

sualium pictus des Johann Amos Comenius. Er kam zuerst 1658 auf Latein und Deutsch in Nürnberg heraus, danach erschienen in rascher Folge Fassungen in zwanzig weiteren Sprachen, von lateinisch-englisch bis lateinisch-ungarisch.17 Dieses bebilderte Lehrbuch, dass zum ersten Kinderbuch Europas avancierte, zeigt zugleich, dass nun auch der Unterricht in Latein und in der Muttersprache Hand in Hand gehen konnte.

Auch abgesehen von zweisprachigen Ausgaben wurde fleißig übersetzt, und zwar sowohl aus dem Lateinischen in die Volkssprachen als auch umgekehrt. Ersteres betraf antike Klassiker ebenso wie moderne Belletristik und Fachliteratur — ein Zeichen dafür, dass sich ein neugieriges und z. T. bildungsbeflissenes Lesepublikum auszubilden begann, das nicht mehr unbedingt gelehrt und lateinkundig zu sein brauchte. Doch selbst mancher gestandene Jurist führte sich ein Werk wie Samuel von Pufendorfs zweitausendseitigen Klassiker über das Natur- und Völkerrecht anscheinend lieber in der deutschen Übersetzung als im lateinischen Original zu Gemüte.18

Wichtiger jedoch waren Übersetzungen ins Lateinische, und zwar deshalb, weil sie Texten, die sonst bestenfalls nationale Verbreitung erreicht hätten, einen europäischen Markt eröffneten. Peter Burke hat vor einiger Zeit in einem bahnbrechenden Auf-satz19 für den Zeitraum 1500-1800 nicht weniger als 1140 einschlägige Übertragungen namhaft gemacht — und dabei wurde auch nach 1800 noch weiterübersetzt, wenn auch in abnehmender Intensität. Neben einer Flut religiöser und historischer Texte erlangten so naturwissenschaftliche Werke wie Galileis Discorsi, Reiseberichte wie das Bordbuch des Kolumbus, literarische Meisterwerke von Petrarcas Lyrik über Miltons Paradise Lost bis hin zu Defoes Robinson Crusoe und Goethes Faust, politische Klassiker wie Machiavellis Principe und Meilensteine der Philosophiegeschichte wie Descartes' Discours de la méthode internationale Verbreitung. Besonders schön illustrieren das Zusammenspiel zwischen den Sprachen Fälle, in denen die lateinische Übertragung eines volkssprachlichen Werkes zum Ausgangspunkt weiterer volkssprachlicher Versionen wurde. So brachte etwa Jakob Locher das Narrenschiff des Sebastian Brant (Basel 1494) als Stultifera navis (Straßburg 1497) ins Lateinische, und diese Version war es dann, die bald ins Französische, Niederländische und Englische weiterübersetzt wurde.20

Sieht man noch etwas genauer hin, so kann man sogar erkennen, wie sich auch das zuvor für die mündliche Kommunikation postulierte Codeswitching schriftlich niederschlug. Häufig war das in Textsorten der Fall, die aufgrund ihres informellen Charakters der Mündlichkeit nahestanden, etwa in Tagebüchern. Ein schönes Beispiel hierfür stellt das Tagebuch einer Romreise des Franz Lachemayr, eines Abtes des Zisterzienserstiftes Stams in Tirol dar.21 Der Text ist generell in einer Mischung aus Deutsch, Italienisch und Latein gehalten und enthält mitunter Einträge wie den folgenden vom 22. Januar 1690:

Fui nel Campidoglio dove nel pallasto alla mano sinistra ascendendo dal Giesù in una tabula ex

petra nigra inauratis characteribus est incisa lex regia satis legibilis.

17 Pilz 1967.

18 Samuel von Pufendorf, De iure naturae et gentium libri octo, Lund 1672; Acht Bücher vom Natur-und Völcker-Rechte, Frankfurt 1711.

19 Burke 2007.

20 Hartl 2001, 1, 28-34.

21 Franz Lachemayr, Diarium, Stiftsarchiv Stams, F 6; vgl. Korenjak et al. 2012, 2, 782-783.

„Ich war auf dem Kapitol, wo am Palast zur Linken, wenn man von II Gesù heraufsteigt, in eine Tafel aus schwarzem Stein in vergoldeten Lettern ein recht gut leserliches Königsgesetz eingraviert ist."

Der antike Inhalt, konkret das altrömische Gesetz, reicht hier aus, um mitten im Satz den Wechsel in die antike Sprache zu provozieren; unterstützend kommt das ,Brücken-wort' tabula hinzu, das damals noch ebenso gut Italienisch wie Latein sein konnte.

Codeswitching konnte aber auch spielerisch literarisiert werden, entweder durch einfache Sprachmischung wie z. B. in den Carmina Burana und im bekannten Weihnachtslied In dulci jubilo oder aber, raffinierter, in der sogenannten makkaronischen Dichtung.22 In ihr paart sich volkssprachliche Lexik mit lateinischer Morphologie und Syntax, wodurch amüsante Effekte zustande kommen. Ein Meisterstück makkaroni-scher Poesie ist etwa die Floia (o.O. 1593) eines unbekannten niederdeutschen Autors, der sich hinter dem Pseudonym Gripholdus Knickknackius verbirgt. Der Text beginnt folgendermaßen:23

Angla floosque canam, qui wassunt pulvere svvarto, Ex watroque simul fleitenti et blaside dicko, Multipedes deiri, qui possunt huppere longe, Non aliter quam si floglos natura dedisset. Illis sunt equidem, sunt, inquam, corpora kleina, Sed mille erregunt menschis martrasqueplagasque, Cum steckunt snaflum in livum blautumque rubentem Exsugunt. Homines sic, sic vexeirere possunt!

„Stacheln und Flöhe will ich besingen, die aus schwarzem Staub entstehen, zugleich auch aus fließendem Wasser und dicken Faulgasen, vielfüßige Tiere, die weit hüpfen können, nicht anders, als ob die Natur ihnen Flügel verliehen hätte. Jene haben zwar, sie haben, sagte ich, kleine Körper, doch sie bescheren den Menschen tausend Martern und Plagen, wenn sie ihren Schnabel in den Körper stechen und das rote Blut heraussaugen. So sehr, so sehr können sie die Menschen quälen!"

Die Komik, die der Sprachmischung an sich innewohnt, wird hier durch den Kontrast zwischen trivialem Inhalt und erhabener Form noch unterstrichen: Der Hexameter galt als eines der würdevollsten Metren der lateinischen Poesie, das Lehrepos als eine ihrer höchsten Gattungen, und der erste Halbvers des Gedichts parodiert glänzend den Beginn der Aeneis, Arma virumque cano. Die Floia reiht sich damit in eine lange Tradition von Epenparodien ein, die auf die pseudohomerische Batrachomyomachia („Froschmäusekrieg") zurückgeht.

4. Mit dem Latein am Ende: der Aufstieg der Volkssprachen

Bis hierher habe ich das Verhältnis zwischen Latein und den Volkssprachen so behandelt, als hätte es sich im Laufe der frühen Neuzeit nicht wesentlich geändert. Dem ist aber natürlich nicht so. Vielmehr hat dieses Verhältnis eine dynamische Entwicklung durchlaufen und sich über die Jahrhunderte hinweg dramatisch gewandelt — ein

22 Sacré 2001.

23 Zitiert nach Heger 1978, 491-497; Druckbild leicht geglättet.

Wandel, dem letztlich das Latein selbst als praktisch verwendete Sprache zum Opfer gefallen ist.

Häufig wird diese Umwälzung ungefähr mit den Worten charakterisiert, die Volkssprachen seien, begünstigt durch den Aufstieg des modernen Nationalstaats, erstarkt und hätten das Latein schließlich verdrängt. Das ist nicht ganz falsch, stellt aber nur einen Teil der Wahrheit dar. Passender könnte man vielleicht formulieren: Die lateinische Sprache hat als Geburtshelferin der Volkssprachen fungiert. Diese haben sich nach ihrem Vorbild ausgebildet und ihr dann den Garaus gemacht.

Zunächst einmal sollte man sich vergegenwärtigen, dass es bis weit in die frühe Neuzeit hinein eigentlich gar keine Volkssprachen im heutigen Sinne gab, sondern nur Bündel von mehr oder weniger eng zusammengehörigen Dialekten, die sich in ständigem Wandel befanden und deren Sprecher sich oft gegenseitig nicht verstanden (man denke nur an das eingangs herangezogene Beispiel von den Tirolern, Wallisern und Friesen). Die Sprachtheorie des Mittelalters kapitulierte vor diesem Durcheinander: Regelhaft, grammatisch fassbar waren in ihren Augen nur die alten, heiligen Sprachen Hebräisch, Griechisch und Latein (das man sogar schlicht als grammatica bezeichnete). Die Volkssprachen dagegen besaßen keine Grammatik, sie waren nur Rede ohne Regeln, modern gesprochen, parole ohne langue. Erst im Italien des 15. Jhs. wurde diese Auffassung ernsthaft in Frage gestellt, und 1450 widerlegte Leon Battista Alberti sie durch die Tat, indem er mit den Regole della lingua fiorentina einfach eine Grammatik seines toskanischen Mutterdialektes verfasste.24 Damit wurde den Volkssprachen nun die Dignität des Regelhaften, rational Verständlichen zuteil, und sie wurden früher oder später alle nach dem Vorbild des Lateinischen grammatikalisiert. Oft genug bedeutete das allerdings, dass sie in eine regelrechte Zwangsjacke gesteckt wurden: So reduzierte man etwa die rund zwanzig Fälle des Ungarischen auf die sechs des Lateinischen — aber auch das Englische, das nach heutigen Begriffen fast keine mehr hat, musste seine sechs Kasus bekommen!25

Indem die Grammatikalisierung bestimmte Sprachvarietäten privilegierte, stellte sie einen wichtigen Ansatzpunkt für die Entstehung von Hochsprachen innerhalb der einzelnen Dialektgruppen dar. Dieser Prozess wurde z. T. durch Faktoren vorangetrieben, die nichts mit Latein zu tun hatten, etwa durch die Herausbildung von Kanzleisprachen mit regionaler und überregionaler Geltung. Daneben wurde er aber auch durch eine Reihe weiterer Textsorten gefördert, die wie die Grammatiken nach lateinischem Muster entstanden. Das gilt beispielsweise für volkssprachliche Wörterbücher, die manche Ausdrücke als standardsprachlich auszeichneten, nicht aufgenommenen Wortschatz dagegen implizit als dialektal abqualifizierten, und für Bibelübersetzungen, wie sie in Konkurrenz zur Vulgata, aber gleichzeitig nach deren Vorbild verfasst wurden. Welche Bedeutung etwa die Lutherbibel für die Genese des Hochdeutschen gehabt hat, ist ja bekannt. Dennoch dauerte es gerade im deutschen Sprachraum bis gegen 1800, bis sich mit dem Ende des spätbarocken Sprachenstreits eine halbwegs einheitliche Norm als Schriftsprache durchsetzte.26

24 Vgl. Stever Gravellen 1988; zu Albertis Regole dort S. 381.

25 Vgl. für das Ungarische etwa Janos Sylvesters Grammatica Hungarico-latina (Sarvar 1539), die erste Grammatik dieser Sprache, für das Englische Paul Greaves' Grammatica Anglicana (Cambridge 1594), eine der wichtigsten unter den vielen frühneuzeitlichen Englischgrammatiken.

26 Zur Geschichte des Deutschen in der Neuzeit und zur Herausbildung des modernen Hochdeutsch s. P. von Polenz, Deutsche Sprachgeschichte.

Mit der Herausbildung einheitlicher Hoch- und Schriftsprachen steht ein weiterer Aspekt in Verbindung, nämlich der Aufstieg bzw. Wiederaufstieg der Volks- zu Literatursprachen. Die volkssprachlichen Literaturformen des Hochmittelalters wie Heldenepos, höfischer Roman und Minnesang waren im Spätmittelalter vielerorts zusammen mit den betreffenden Sprachstufen (Altfranzösisch, Mittelhochdeutsch usw.) abgestorben27 und wurden erst in der Romantik neu entdeckt. Die volkssprachlichen Literaturen der Neuzeit, die sich später zu den Nationalliteraturen weiterentwickelten, knüpften deshalb weniger an ihre mittelalterlichen Vorläuferinnen als an die Meisterwerke an, welche die lateinische Literatur in den großen, prestigeträchtigen Gattungen wie Epos, Lyrik, Drama, Geschichtsschreibung hervorgebracht hatte: Ihnen versuchte man nun Gleichwertiges oder gar Besseres an die Seite zu stellen. Man denke nur an die Commedia Dantes, der sich nicht zufällig von Vergil durch die Hölle führen lässt, in Italien, an die horazisch inspirierte Lyrik der Pléiade und das Drama von Corneille, Racine, Molière in Frankreich, an Shakespeare und Milton in England.

Ein chronologisch letzter, dabei aber ganz entscheidender Punkt betrifft schließlich den Sprachunterricht. Bis ins 18. Jh. spielte der Unterricht in den lebenden Sprachen, seien es Fremdsprachen oder die Muttersprache, in Europa aufs Ganze gesehen eine marginale Rolle. Er war schwach institutionalisiert und meist eine Sache von Privatstunden und Autodidaxe.28 (In den volkssprachlichen Elementarschulen war die Volkssprache zwar Unterrichtssprache, nicht aber Unterrichtsgegenstand. Die Grammatiken der Volkssprachen wurden höchstens fallweise zu Unterrichtszwecken herangezogen.) Der Lateinunterricht dagegen konnte in der frühen Neuzeit schon auf eine über tausendjährige Tradition zurückblicken. Als dann im 18. und 19. Jh. der Unterricht in den lebenden Sprachen, insbesondere in der Muttersprache, eingeführt und bald durch die allgemeine Schulpflicht generalisiert wurde, geschah auch das wieder — wen wundert's — nach dem Muster des älteren Vorbilds.

Spätestens in diesem Moment waren die Tage des Lateinischen in seiner bisherigen Funktion endgültig gezählt. Die Volkssprachen konnten nun alles, was früher nur das Latein gekonnt hatte. Und da sie in der Zwischenzeit auch zu Nationalsprachen aufgestiegen waren, wurde ihre Pflege so wichtig und nahm so viel Zeit und Energie in Anspruch, dass für Latein immer weniger übrigblieb.29 Das in den Grundzügen weltweit verbreitete, in seiner spezifischen Form aber einmalige Zusammenspiel von Universal-und Partikularsprachen, das Europa über zweitausend Jahre hinweg geprägt hatte, war zu einem Ende gekommen. Erst im 20. Jh. sollte es — und damit kehren wir zu unserem Ausgangspunkt zurück — mit dem Siegeszug des Englischen unter neuen Vorzeichen wieder aufleben.

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27 Leonhardt 2009, 192-195.

28 Einen Überblick über die Frühzeit des modernen Fremdsprachenunterrichts bietet Schröder 1992.

29 Vgl. (mit etwas anderer Schwerpunktsetzung): Leonhardt 2009, 231-244, v. a. 234-235.

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Received: 29.01.2018 Final version received: 03.04.2018

Латынь и народные языки Европы в раннее Новое время

Мартин Кореньяк

Латынь как язык международного общения в Европе конца XVI — начала XIX века была доступна самым разным слоям населения и практиковалась на самых разных социокультурных уровнях и в самом разном языковом оформлении — от ломаной, неправильной — лишь бы как-то объясниться — до стилистически вполне совершенной, какой была латынь великих гуманистов. Латинский выполнял все требуемые от lingua

franca функции: для сравнения вполне годится современный английский, или, хотя и в меньшей степени, классический арабский. Принято считать, что новые языки вытеснили латынь вместе с ростом национального самосознания и образованием в результате этого подъема национальных государств — при господстве идеологии романтизма. Однако национальный подъем не отменял потребности в общеевропейском койне: место латыни в европейском ареале безуспешно пытался занять французский и в конце концов занял английский, обслуживающий уже не только Европу, но и весь мир. Автор связывает вытеснение латыни новыми языками с грамматическим оформлением этих последних. До появления первых грамматик новоевропейских языков грамматикой обладали только три «священных» мертвых языка. Остальные существовали в зыбкой и текучей форме, будучи речью без правил. С постепенным оформлением грамматик новых языков (по латинскому образцу) утверждается языковая норма; как следствие, нарастает объем написанного на этих языках, возвышается их статус; наконец, они проникают в школу как предмет изучения: этот последний этап означал конец эпохи живого латинского койне.

Ключевые слова: латынь в раннее Новое время, латынь как лингва франка, история латинского языка.

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